„Spes“

Thomas Werner hat sich für heute Abend einen Auszug aus dem DUDEN Projekt der Musiker Oliver Augst und Rüdiger Carl gewünscht, mit Texten von Hugo Ball und Lyrik des 20.Jhdts. Fans des Free Jazz ist Rüdiger Carl zweifellos ein Begriff; mit Oliver Augst arbeitet er im Spannungsfeld Improvisation, Installation und Theorie. Neben der Dekonstruktion und dem Auslösen einzelner Passagen bestimmter Stücke, geht es hier um eine Assemblage, eine Neuausrichtung, der Betrachtung und Entwicklung eines neuen Vokabulars von Klängen und Geräuschen. In Loops eingeschlossen ist das Sound Material immer das Gleiche, wirkt tranceartig und gedanklich eingeschlossen, nur immer wieder befreit durch den nächsten Loop.

Die formale Idee eines Loops, also die eines wieder- und wiederkehrenden akustischen Kreises -„Loop“ - , steht Thomas Werners Auseinandersetzung mit der Falte just hier in Bamberg gegenüber. Die Falte könnte als visuelle Entsprechung zum auditiven Phänomen gelten. Hebeln beide Phänomene doch in besonderer Weise an unserer Wahrnehmung von Raum und Zeit herum. Die Falte mag den Raum vertiefen, darüber hinaus die Zeit dehnen – genauso wie der Loop mit unserer zeitlichen Perzeption arbeitet. Das werden Sie selbst nachher hören. Die Performance dauert ca 25 Minuten, dann öffnen wir die Ausstellung.

Aber lassen Sie mich ein bisschen weniger theoretisch beginnen. Viele von Ihnen bastelten zu Zeiten des Martinsumzugs, der bald wieder begangen wird, Laternen. Als sie Kinder waren, waren Laternen ein Ereignis. Der abendliche, dunkle Gang, das Pferd samt Reitersmann, die Szene, in der er seinen Mantel teilt, um den Bettler zu wärmen. Das alles wurde mir in meiner Kindheit als magisches Schauspiel präsentiert. Fast magisch. Durch die Inszenierung allerdings war alles entrückt, hatte theatralische Kräfte und eine der Ehrfurcht zuträgliche Distanz.

Können andere Künste, was hier geschieht, nachbilden?
Die Oper, der Film vielleicht, aber was ist mit der Malerei?
Kann Malerei, was ein solches Schauspiel vermag?

Was kann Malerei überhaupt? Hat sie eine Aufgabe? Was macht diese Aufgabe mit dem Maler? Die Kunsttheorie, die Philosophie und die Maler selbst bearbeiten diese Fragen. Und sie bearbeiten sie – Gottlob – durch vielmaliges Neuansetzen, Hinterfragen und durch sich stets wandelnden künstlerischen Ausdruck.
Wir begegnen an dieser Stelle Thomas Werner. Sein Lebenslauf steht auf einem Blatt, er wird plastischer, falten wir dieses: Sein Leben ersteht vor uns:
Der Maler wurde 1957 in Neu Ulm geboren, nachdem er sich zum Farblithographen ausbilden liess studierte er 1979 bis 1984 an der staatlichen Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe bei Prof Georg Baselitz, als dessen Meisterschüler er sein Studium beendete. Verschiedene Preise und Stipendien, auch Gastprofessuren markieren seinen Werdegang.

Er wird in Frankfurt am Main, wo er seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt hat, von der Galerie Bärbel Grässlin vertreten. Wichtige Ausstellungen wie die Schau „vorne“ im Museum Wiesbaden im Jahr 2017 zeigten Werner, ebenso die Schau „deutschemalerei 2003“ im Frankfurter Kunstverein.

In den letzten Jahren und sicher liegt es an der Stadt selbst, sind uns durch Stipendiatinnen und Stipendiaten der bildenden Kunst immer wieder Auseinandersetzungen mit dem Thema der Faltung oder ganz konkret den Falten von Gewändern zum großen Teil in Stein gehauen, begegnet. Fast alle nannten Gilles Deleuze Schriften zur Monadentheorie der Falte entlang der Arbeit von Gottfried Wilhelm Leibnitz als gedanklichen Absprungsort für das Erstellen eines Gedankendreiecks, dessen Entstehung eben oft im barocken Bamberg befeuert wird.  Thomas Werner, wäre zur Betrachtung der Falte vielleicht gar nicht gekommen, hätte sein großer vorheriger Werkkomplex, nämlich die malerische Beschäftigung mit Decor, also Schmuckausstattung im weitesten Sinne, nicht zur faszinierten Betrachtung des Details bei ihm geführt. Man könnte sich hier einen Loop im Gedankenleben des Malers sich leise in unsere Wahrnehmung hineinwiederholen denken.
Leibnitz gilt als eine Art Godfather of barocker Metaphysik und ging – und das fasst die Zusammenfassung seiner sogenannten Monadentheorie wirklich ungenügend zusammen – von einer Art Ineinanderfaltung aller Dinge miteinander aus. Barocke Kunst hätte demnach den Auftrag einer Auseinanderfaltung.
Der 1995 verstorbene Philosoph Gilles Deleuze setzte sich tiefgehend mit Leibnitz auseinander und es ist ein Werk entstanden, das seine Leserinnen und Leser voller Fragezeichen zurücklässt und doch auch anfüllt mit lebhaften Hinweisen zur Kunstbetrachtung. Diese Hinweise werden durch das Erscheinen eines weiteren Werks seit kurzer Zeit zusätzlich verstärkt: Zum 100. Geburtstag Deleuze‘ sind Vorlesungen zur Malerei, die von ihm in den 70er und 80er Jahren gehalten wurden, als ein Band bei Suhrkamp erschienen.
Warum teile ich Ihnen all dies mit? Weil es wichtig ist, wenn ein Künstler seine Quellen angibt, diese Quellen mindestens mitzubeachten – auch, um sich dann bei Betrachtung der Arbeiten von ihnen zu lösen. Sie haben als Betrachterinnen und Betrachter immer die Freiheit, sich dem Gedankengebäude hinter den Arbeiten nicht zu nähern. Oft genug bleibt es Ihnen sowieso verborgen, weil Künstlerinnen und Künstler sie im wahrsten Sinne nicht in den Kulissen herumlaufen sehen möchten. Die Inszenierung soll gelten. Werner aber lädt sie ein, ihm auf die Spur zu lesen, wenn sie möchten. Er lässt sein Gedankengebäude bewusst, hier und da im unfertigen Rohbau noch, in Überlegungen erstehen. Ich empfehle Ihnen, einen Helm zu tragen, wenn sie sich unter Deleuze Dachstuhl bewegen. Bis man Festigkeit in diesen Gedanken entwickelt, kann es dauern.

Aber Thomas Werner hat Hoffnung. Spes. Ein schönes Wort aus dem Lateinischen, das auch an das englische Space, also Raum, denken lässt und damit an den Claim: Space is Hope, den ein Raumfahrtunternehmen tatsächlich geprägt hat. Und siehe da:
Drei große Tuschearbeiten treten als „Hoffnung in Falten“ auf; eine – die in der Grotte präsentierte, ist zugegeben Deleuze wortwörtlich so nah, dass sie nicht denselben Titel trägt, ja tragen kann, aber einen ähnlichen Gedanken. Geschwungen sehen sie sich tief ein in eine zeichnerische Verführung: Sie können tief blicken und diese Falten als Orte der Suche vielleicht schätzen lernen. Tempera auf Jute und Leinwand-Arbeiten zeigen Werners Bezug zur Farbe, seine eindrückliche Meisterschaft. Sie begegnen einer Palette, die gegen die erdverbundene Faserigkeit der Oberfläche Spitzen, Farbflächen generiert, die so farbsatt sind, dass ihre Betrachtung einen transportiert. Ich mag, dass wir es mit Titeln wie „Bamberg – Moby Dick 1 und 2“ zu tun haben. Es mögen die Betrachtungen dieser Arbeiten an die Eindrücke des Käptain Ahab erinnern, der sich an seinen weißen Wal fesselte, sicher alle Farben des Meeres und des Lebens an sich vorbeiziehen sah. Vielleicht DIE Maler-Position schlechthin. Papierarbeiten und Inkjetausdrucke finden Sie in den Vitrinen. Sie zeigen unter anderem planerische Vorgehensweisen des Malers, sind fertige, aber auch projektbezogene Schritte zu anderen Arbeiten hin, von anderen Arbeiten kommend.
Und wenn sie sich, was wir herzlich befördern wollen, von hier oben auch in die Grotte aufmachen – sehen Sie davor einen Text des Künstlers, durch dessen Lektüre sich Ihnen vielleicht eine Brücke schlägt zur Installation in der Grotte und zu dem vielen von mir an theoretischen Tastungen Erwähntem. Thomas Werner ist ein Flaneur in Bamberg. Er unternimmt tägliche Gänge und stellt, wie viele Stipendiaten fest, dass diese Stadt reich ist. Reich an Eindrücken und scheinbarem Überfluss, denn immer wieder werden Dinge „zur Mitnahme“ an den Straßenrand gestellt. So auch ein alter Bauernstuhl, der Werner anlächelte. Im wahrsten Sinne.

Der Maler wandelte ihn zu einem Objekt, das nun viel weniger Stuhl als Verdinglichung einer Lektüre geworden ist. Deleuze fragt sich und seine Zuhörerschaft nämlich nach der Bedeutung von Katastrophe für die Malerei in seinen Vorlesungen. Und ja, das Kippmoment findet beständig Schilderung. Hier eine Schlacht, hier ein Unwetter, hier ein rollender Kopf oder eine Explosion. Die Malerei ist voller Katastrophen; die Katastrophe ist ein gutes Sujet. Nur ist die größte Katastrophe für den Maler eben nicht die leere Leinwand, sondern – so Deleuze – die übervolle. Wir alle treten an jedes Bild mit Erwartungen und Kenntnissen hunderttausender anderer Bilder und Details heran. Es gibt keinen Blick, der nicht auf einen Rückblick, einen Umblick, einen anderen Überblick, gar den Blick des immer anderen verweist. Und so ergeht es den Malerinnen und Malern, von denen wir die Welt neu und anders gefasst, in den Blick genommen, erhoffen. Es ist eine schwere Aufgabe – die Welt oder wenigstens Teile in ihr, neu oder auch „nur“ anders zu sehen.
Doch, Thomas Werner hat und teilt seine Hoffnung.

Nora Eugenie Gomringer